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Revolution aus der Küche

«Die Idee ist es, mit Essen eine Revolution loszutreten.» Eine Ethik des Essens scheint in ihrer Umfasstheit tatsächlich einmalig und taugt vielleicht deshalb als Startpunkt in eine neue Zeit.



Unter dem Begriff Gastrosophie wird das Zusammenwirken von natur- und geisteswissenschaftlichen Fächern verstanden, wobei Ernährung und Gesellschaft im Fokus stehen. Das klingt etwas sperrig und im Rahmen des traumdepots wollen wir Sie keineswegs langweilen oder mit Hegel-Zitaten vor den Kopf stossen. Es geht auch nicht darum, einen moralischen Schleier über der Plattform und seinen Protagonisten schweben zu lassen. Dennoch: Die Welt ist komplex und Philosophie und Ethik sind vielleicht gerade deswegen in aller Munde, weil wir mehr denn die richtigen Fragen und mögliche Antworten brauchen. Und wenn die gastrosophische Perspektive eine «der am meisten vernachlässigten Gesichtspunkte innerhalb der herkömmlichen Gesellschaftstheorie» darstellt, so lassen wir uns von dieser «Nachlässigkeit» der grossen Philosophen nicht abschrecken. Im Gegenteil!


Eine zentrale Quelle für diese und spätere Gedanken bildet Harald Lemkes Werk «Ethik des Essens». Zwar dürften die Wenigsten die unbändige Lust verspüren, sich durch die rund 600 dicht beschriebenen Buchseiten zu kämpfen. Wie üblich im philosophischen Kontext, sind diese auch nicht zum Konsumieren gedacht, geschweige denn einfach zu verdauen. Diese Rubrik nutzt diese Ressource als Inspiration. Sie will im besten Sinn überraschen, Häppchen bereitlegen und kluge Gedanken und Geschichten über die Ethik des Essens teilen. Ein beispielhafter Aufhänger dieses ersten, kurzen Beitrags kommt vom Noma-Mitgründer Claus Meyer: «Die Idee ist es, mit Essen eine Revolution loszutreten – weil kaum etwas anderes in unserem Leben so grundlegend, umfassend und alltäglich darüber entscheidet, was aus der Menschheit wird, als das, was – und wozu – sie isst.»


Aber der Reihe nach. Eine kleine Auslegeordnung des Ethik-Begriffs ist angebracht. «Ethik boomt» und ethische Fragestellungen haben in den letzten Pandemie-Jahren eine oftmals brutale Unmittelbarkeit bekommen. Trotzdem ist Ethik als Disziplin der Philosophie für viele ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Die zentrale Frage in der Ethik lautet: Was soll ich, was sollen wir tun? Ethik ist die theoretische bzw. philosophische Reflexion der Moral. Wenn wir es mit spezifischen Problemen aus dem Alltag zu tun haben, dann sind wir bei den angewandten Ethiken angelangt. In Gebieten wie der Umweltethik, der politischen Ethik oder der Medizinethik werden mögliche Antworten auf konkrete Fragen erörtert. Kaum eine dieser Disziplinen ist in der Summe ihrer Vernetzung und Anforderungen aber mit einer Ethik des Essens vergleichbar. Diese scheint in ihrer Umfasstheit einmalig.


Dabei wollen wir die Lust und die Verantwortung gleichzeitig hochhalten, und die tugendethischen Trampelpfade bewusst etwas im Dickicht belassen. Und um nochmals auf Claus Meyer, den begnadeten Gastronomen zu sprechen zu kommen, der in La Paz 2013 zudem das Restaurant Gustu eröffnet hat: «Beim Nordic-Cuisine-Manifest vor zehn Jahren war die Botschaft: Wir Köche wollen die Welt verändern. Das war eine starke Botschaft, jedenfalls damals, heute vielleicht etwas weniger, weil viele Köche sich als Revolutionäre fühlen und wie Bono daran arbeiten, der Menschheit zu helfen (...).» In der bolivianischen Gesellschaft bis in die Politik hat das Gustu mit seinem Konzept und seinem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Impact nachweisliche Spuren hinterlassen. Die Menschen begannen sich nicht nur fürs Essen, sondern weit darüber hinaus für soziale oder kulturelle Dimensionen zu interessieren und zu engagieren. Das kann eine solche Rubrik ebenfalls leisten, indem sie Wissen teilt, Zusammenhänge festhält und immer wieder auf die Ursprungsfrage verweist: Was sollen wir tun, ohne Antworten, sondern in erster Linie gute Fragen zu stellen.


Auch wenn sich viele grosse Philosophen ums Essen foutiert haben, wir machen es nicht. Ob es für eine Revolution reicht? Vermutlich nicht. Die Einladung zum Mitdenken steht: «Unsere kulinarische Lebenspraxis konsumiert nicht nur, sondern konstituiert zugleich eine ganze Welt – die gigantische Welt des Essens.» Bei dieser Einsicht darf man als Chef schon mal von einer Revolution träumen.


Christoph Wey, Mai 2022



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